| 2009: Kritik zu "Der eingebildete Kranke" |
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Im Rollstuhl zwischen Liebe, Leid und Laster
Die instabilen Druckverhältnisse im europäischen Wetterkörper machten eine Verlegung des Malade imaginaire vom grünen Hinterhof unters Dach nötig. Doch tat dies gestern Abend der Spielfreude und dem Vergnügen in der angemessen besetzten Aula keinen Abbruch. Dieser Molière am Kollwitz-Gymnasium brachte den Saal so richtig in Schwung. Nach schön elegisch gebratschter Auftaktmusik (Markus Paul) legt sich die Molière-Crew mit Tim Kaletka in der privat finanzierten Rollhilfe an der Spitze so richtig ins Zeug. Bei der Nachberechnung der ärztlichen Praxispauschale wird unser Held bald an sein imaginäres Leiden erinnert. Seine Haushälterin Toinette kann trotz sehr praktischer Veranlagung gegen so viel Einbildung momentan nicht viel ausrichten. Julia Jendroßek als eine Art Hommage an Helga Hahnemann bringt den Mutterwitz richtig großartig. Und das schwärmerische Elfchen von Tochter (zunehmend überzeugender Arina Trovimova) liebt auch noch den für den Vater unpassenden Habenichts Cléante (Max Epperlein). Als Vater die Tochter zur Heirat mit dem Sohn des Arztes Diafoirus zwingen will, geht die komische Romeo-und-Julia-Variante so richtig in die Vollen. Ehefrau Béline (Nora Gosch als Vamp zwischen Rosemarie Nitribitt und Audrey Hepburn) spinnt eine feine Intrige, um gemeinsam mit dem Notar Bonnefoy (Maximilian Löser) dem armen Ehemann die Last (des Geldes) abzunehmen. Der Heiratsantrag des Favoriten des Vaters gerät zu einem fast slapstickartigen Kabinettstückchen für Richard Niederkirchner als Diafoirus jr, der ein wenig an die Schlaksigkeit eines Winfried Glatzeder in „Pension Schöller" erinnert. Die anschließende Konfrontation zwischen Tochter (empörte Tugend) und Stiefmutter (verschärfter Zynismus) lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Schwesterchen Louison (Lisa Heisig gibt die ‚Kleine‘ köstlich backfischig) beichtet dem Vater auch noch das Rendezvous der Liebenden, so dass der Spannungsbogen gut über die anstehende Pause hält. Toinette hat sich schließlich den ganzen Unsinn lange genug angesehen und ergreift die Initiative zum Gegenspiel. Unterstützt wird sie nach Kräften von Argans Bruder Béralde. Nele Rehahn spielt einen Mix zwischen Ironman und Louis des Funes sehr eigen und der Situationskomik dienend. Er ist die Stimme der Vernunft und sorgt dafür, dass Toinette als ‚berühmte Ärztin‘ dem verbohrten Kranken den Kopf geradesetzen kann. Der vorgetäuschte Tod Argans offenbart schließlich die Raffgier Bélines und die wahre Liebe Angéliques zu ihrem Vater. Voilá, Zeit für das Schlusstableau inklusive tanzender Mohren, pardon Möhren. Wir erleben einen großen Spaß auf mehreren Ebenen. Das Gelächter ist zu Recht sehr groß und der Applaus redlich verdient. Die Agierenden sind rollengerecht besetzt und zeigen überraschende Qualitäten und ausgesprochene Lust am Spiel bei nur wenigen Unsicherheiten. Man kann der Inszenierung nur wünschen, dass die folgenden Aufführungen noch eine Steigerung erlauben. P.S.: Die nächsten Vorstellungen sind am 11., 15. und 16.. Hingehen!!! Wolfgang Wieden |



