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2009: Kritik zu "Der grüne Kakadu" PDF Drucken E-Mail

Die Nacht der schrägen Vögel

Während draußen ein böiger Frühlingswind an den Bäumen und Fenstern rüttelte und sehr an die Iden des März eines Julius Cäsar gemahnte, gab unser DS-Kurs am 17.3. drinnen den Sturm auf die Bastille samt „Kollateralschäden"als virtuelles Spektakel.

In Schnitzler´s „Der grüne Kakadu" nimmt der französische Hochadel wie so manche gefährdete Art nur widerstrebend die bis dahin spielerische Abschaffung ihrer Existenz zur Kenntnis.

Es ist der Tag, an dem aus Spaß Ernst wird.

Das von Wirt Prospère (Robert Ungethüm als wuselnder Impresario stets präsent) täglich in seinem Spelunkentheater inszenierte Schau(er)-Spiel mutiert am Vorabend des Sturms auf die Bastille von der prophetisch-morbiden Publikumsbeschimpfung, welche das adelige Publikum wie in Second Life mit wohligem Kitzel degustiert, zur realen Vertreibung desselben aus dem Kulissenparadies ihrer Parasitenexistenz.

Die von Prospère angeheuerten Schmierenkomödianten & Christian Höynck als echter Mörder, der seine Tante geschlachtet hat, bereiten die übliche Verbrechershow vor, während ein sehr preußisch-gewissenhafter Commissär (Marie Vetter) amtlicherseits das Etablissement auf die schwarze Liste setzen will, sich aber zu einer Besichtigung inkognito bereitfindet.

Auftritt der üblichen Verdächtigen: Die „Herren" Guillaume (richtig ‚unter Dampf‘ Linda Dankert) und Scaevola (wunderbar prollig Luise Rolletschek) sowie die sehr animierenden „Damen" Michette und Flipotte (Marie Grunwald & Louisa Bäcker als optimale Besetzung) heizen dem adeligen Publikum gründlich ein - und nicht nur dem.

Der Vicomte de Nogeant (Theresa Vollmer mit der Lässigkeit des Grandseigneurs) muss dem jungen Provinzadeligen la Tremouille (Gut gemacht, Daniel Schumann!) immer wieder den virtuellen Charakter der Darbietungen vor Augen führen.

Währenddessen sind Severine (Martha Mohn ganz Marie-Antoinettig) und ihr Gatte Lansac (Marie Lawrenz) nebst privatem Haus-Dichter (Lena Schmidt nicht zu philosophisch)nur auf der Jagd nach dem cheap thrill.

Als Dominator erleben wir den ambitionierten, aber auch geschäftstüchtigen Schauspieler Henri, den Jakob Wulfert mit schön überhöhtem Schillerschen Pathos bei den „gespielten" Verbrechensbekenntnissen und mit eher naturalistischer Verve beim „realen" Mord am Liebhaber der gerade Angetrauten (Laura Friedrich als Gattin mit „Ruf") bringt. Sein Antagonist, der Herzog von Cardignan (sehr sinnfällig im affektierten Gehabe Sylvana Schneider) wird schließlich ganz „real" gemessert. Die beiden bekamen zu recht viel Applaus.

Dass Ole Giersdorf mit nett angeklebtem Trotzky-Bärtchen und kleinbürgerlichem Konfektionsanzug vom den Revolutionär übenden Schmierenkomödianten Grasset schließlich zum real-existierenden und souveränen Revolutionsführer (avec le vin rouge) wird, ist nur ein weiteres Indiz für die stattfindende Umwertung aller Werte, an der auch ein Commissär nichts mehr ändern kann.

Besonders zu loben ist außerdem die gelungene Kostümierung und Maske sowie das stimmige Bühnenbild und auch die Gitarrenbegleitung durch Philipp Schäfer.

Wir sehen eine energieintensive Ensembleleistung; Dramaturgie und Besetzung passen. Die Inszenierung scheint etwas unentschlossen: Dekadenz und Abgelebtheit des Ancien Regime anklagen und uns Gegenwärtigen den Spiegel deutlich vorhalten einerseits - oder eine saftige, sarkastische, schwarze Komödie mit hohem Unterhaltungswert servieren andererseits.

Gimme more!