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2010 Kritik zur: "Der Revisor" an der Käthe-Kollwitz-Oberschule PDF Drucken E-Mail

Hoher Besuch hat sich angekündigt. Die Rede ist dieses Mal aber nicht von der Schulinspektion, denn eine gefüllte Aula wurde am 04.10.2010 in ein kleines russisches Dorf im 19. Jahrhundert zurückversetzt.

Der DS-Kurs 13 unter der Leitung von der engagierten Frau Böttcher hat Nikolaj W. Gogols "Der Revisor" aufgeführt und den Rubel rollen lassen. Ein Beamter aus Sankt Petersburg soll sich anonym in dem Dorf umsehen, die Abläufe bewerten und Bericht erstatten. Für den Stadtoberen Anton Antonowisch - Michael Zessin als grandios agierender, flexibler und textsicherer Hauptdarsteller - ist dies die Hoffnung auf einen weiteren Karriereschritt, nur kann sein Dorf nicht gerade glänzen. Von der Schule über das Postamt bis hin zum Krankenhaus soll alles getan werden, um in einem möglichst guten Licht zu stehen, doch die Möglichkeiten sind gering. Als das um Anerkennung ringende Duo Pjotr Iwanowitisch Dobtschinski und Pjotr Iwanowitisch Bobtschinski - Martin Radtke und Raoul Zessin als charmant-komödieskes Paar, deren Rollen wie auf den Leib geschneidert waren - von einem Fremden in der Dorfkneipe berichten, der seit zwei Wochen dort wohnt und alles anschreiben lässt, glauben alle im Dorf den Revisor gefunden zu haben.

Für Iwan Alexandrowitsch Chlestakow - eine agile Charlotte Mand, die mit großen Gesten umzugehen weiß - und dessen Diener Ossip - ein souveräner David Weiß, der dem Diener eine philosophische Note verlieh - ist das ein günstiger Umstand, haben sie sich doch mit dem Gastwirt inzwischen überworfen, weil dieser kein Geld gesehen hat und ungeduldig geworden ist. Statt ins Gefängnis geworfen zu werden, kommt ihnen aber größte Herzlichkeit entgegen, denn der Revisor soll sich wohl fühlen. Es soll das Beste des Besten sein und Chlestakow weiß genau, wie er seine Hand aufhalten muss. Dabei macht er nicht mal vor Antons Frau Anna - die aufreizende Marie Behrens - und/oder Tochter Marja - die hinreißende Elisabeth Heinz - halt, die elegant ihre Möglichkeiten in der Männerdomäne suchen. Iwan kann sich kaum entscheiden, wessen Naivität er als erstes ausnutzen soll, doch die Dorfbewohner betteln regelrecht darum, ausgenommen zu werden. Mit einer unverschämten Gleichgültigkeit wechseln die Scheine ihre Besitzer, denn jeder der eigentlich faulen, aber trotzdem recht wohlhabenden Dorfbewohner erhofft sich Sicherheit durch die Geldleihgeschenke. Da wäre zum Beispiel der dauernervöse Luka Lukitsch Chlopow - ein konsequent durchzitternder Alexander Jung, der spätestens zum Abiball verraten sollte, an wem er sich da ein Beispiel genommen hat -, der als Inbegriff eines miserablen Schulsystems steht, Artemi Filippowitsch Semljanika - Antonia Zydek, die mit ihrer freudvollen Ausstrahlung wohl auch die schwarz-gelbe Gesundheitsreform schön spielen könnte -, der das vernachlässigte Gesundheitswesen repräsentiert, und der überforderte Iwan Kusmitsch Schpekin - eine bewegliche und vielleicht etwas unterforderte Ronja Lindemann -, der kein gutes Haar am Postwesen hinterlässt. Leicht lässt sich das Gezeigte in die Gegenwart transferieren, was mutlos machen könnte. Doch der DS-Kurs hat mit seinen Schauspielern und deren professionell anmutender Spielfreude großes Amüsement geboten.

Der reibungslose Ablauf und das positive Gesamtbild lag auch an einem gut konzipierten Bühnenbild und den anderen Kursmitgliedern, die auf der Bühne nur kleinere Rollen belegen konnten, diese aber mit all ihrer Leidenschaft umso intensiver darstellten und lallend, gebieterisch oder unterwürfig überzeugten. Zudem darf auch die für das Gelingen eines solchen Abends ebenso wichtige Arbeit hinter den Kulissen nicht vergessen werden, die offenbar nur bei der Erstellung des Programmhefts vernachlässigt wurde. So fiebert man dem erhofften selbstgerechten Ende der Geschichte nach bisweilen auch zähen zweieinhalb Stunden entgegen und nimmt das wohlige Gefühl eines ereignisreichen und gelungenen Schultheaterabends mit nach Hause. Und während man den Schülern den verdienten Applaus spendet, fragt man sich, warum zu solchen Ereignissen eigentlich keine Schulinspektion angemeldet ist, denn auch dieser Abend hat wieder gezeigt, dass Schule mit den Schülern gemeinsam Grenzen überschreiten kann und das ganz ohne Bestechung.

In Vertretung für den Chefkritiker Herr Wieden,

Ein traditionsbewusster Theaterfan (E. G.)